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Der praktische Ausbildungsplan: Ausbildung muss aus der Praxis heraus gedacht werden

6. Okt.
5 Min. Lesezeit

Der praktische Ausbildungsplan ist ein wichtiger Bestandteil der Pflegeausbildung. Trotzdem wird er in der Praxis manchmal eher als Dokument verstanden, das erstellt werden muss, weil es eben vorgeschrieben ist. Dabei kann er viel mehr sein. Richtig entwickelt und tatsächlich genutzt, kann er Praxisanleitenden Struktur geben, Auszubildenden Orientierung bieten und dafür sorgen, dass praktische Ausbildung nicht aus einzelnen, voneinander unabhängigen Anleitungssituationen besteht.

Damit das gelingt, muss der praktische Ausbildungsplan jedoch dort entstehen, wo die Ausbildung tatsächlich stattfindet: in der Praxis.

Der Rahmenausbildungsplan gibt eine wichtige Orientierung dafür, welche Kompetenzen Auszubildende im Verlauf ihrer Ausbildung entwickeln sollen. Er kann jedoch nicht die individuellen Gegebenheiten eines konkreten Einsatzortes abbilden. Er berücksichtigt beispielsweise nicht, welche zu pflegenden Menschen dort versorgt werden, welche typischen Pflegesituationen im Alltag auftreten oder welche besonderen Versorgungsschwerpunkte die Einrichtung hat. Auch regelmäßig durchgeführte diagnostische und therapeutische Maßnahmen sowie die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Berufsgruppen sind von Einsatzort zu Einsatzort verschieden.

Genau diese Besonderheiten der jeweiligen Praxis müssen bei der Erstellung des praktischen Ausbildungsplans berücksichtigt und mit den vorgegebenen Kompetenzen der Ausbildung verknüpft werden.

Die zentrale Frage bei der Erstellung sollte deshalb nicht lauten: Wie bekommen wir die Inhalte des Rahmenausbildungsplans in unseren Einsatz? Vielmehr sollten wir uns fragen: Welche Lernmöglichkeiten bietet unsere Praxis und welche Kompetenzen können Auszubildende anhand dieser Situationen entwickeln?

Das verändert den Blick auf praktische Ausbildung.

Denn Pflege besteht nicht aus einer Aneinanderreihung einzelner Tätigkeiten. Eine Blutdruckmessung, eine Körperpflege, eine Medikamentengabe oder eine Wundversorgung sind zunächst einmal pflegerische beziehungsweise medizinisch diagnostische und therapeutische Handlungen. Für die Ausbildung wird aber entscheidend, in welchem Zusammenhang sie stattfinden und welche Kompetenzen dabei entwickelt werden können.

Eine Blutdruckmessung kann zu Beginn der Ausbildung beispielsweise zunächst bedeuten, dass ein Auszubildender die korrekte Durchführung erlernt und seine Messwerte dokumentiert. Im weiteren Ausbildungsverlauf können deutlich komplexere Anforderungen hinzukommen. Der Auszubildende muss Werte beurteilen, Veränderungen erkennen, diese mit der aktuellen Situation des zu pflegenden Menschen in Verbindung bringen, angemessen reagieren, Informationen weitergeben und sein Handeln begründen.

Die Handlung ist vielleicht dieselbe. Der Kompetenzanspruch ist es nicht.

Genau diese Entwicklung sollte sich auch im praktischen Ausbildungsplan wiederfinden. Er sollte nicht nur festlegen, welche Themen oder Tätigkeiten irgendwann während eines Einsatzes vorkommen sollen. Er sollte sichtbar machen, wie Auszubildende schrittweise Kompetenzen entwickeln und zunehmend Verantwortung für pflegerische Situationen übernehmen können.

Dafür lohnt es sich, zunächst die eigene Praxis genau zu betrachten. Welche Pflegesituationen treten bei uns regelmäßig auf? Welche Pflegephänomene begegnen unseren Auszubildenden? Welche Aufgaben übernehmen Pflegefachpersonen in unserem Bereich? Welche Situationen eignen sich besonders dafür, bestimmte Kompetenzen zu entwickeln? Was können Auszubildende bei uns erleben und lernen, was möglicherweise an einem anderen Einsatzort weniger häufig vorkommt?

Aus diesen Überlegungen entsteht ein praktischer Ausbildungsplan, der tatsächlich zur Einrichtung passt. Er ist dann keine Kopie allgemeiner Vorgaben, sondern die Übersetzung dieser Vorgaben in die konkrete Versorgungspraxis.

Arbeits und Lernaufgaben entstehen ebenfalls aus der Praxis

Genau hier kommen Arbeits und Lernaufgaben ins Spiel. Auch sie sollten nicht am Schreibtisch entstehen und anschließend irgendwie in den Pflegealltag integriert werden. Ausgangspunkt sollte eine reale berufliche Situation sein.

Eine gute Arbeits und Lernaufgabe verbindet das Arbeiten in einer realen Pflegesituation mit einem konkreten Lernauftrag. Auszubildende sollen also nicht zusätzlich zum Pflegealltag irgendeine Aufgabe bearbeiten, sondern durch die Auseinandersetzung mit dem Pflegealltag lernen.

Nehmen wir als Beispiel einen zu pflegenden Menschen mit einem erhöhten Sturzrisiko. Daraus kann eine Arbeits und Lernaufgabe entstehen, bei der der Auszubildende relevante Informationen erhebt, individuelle Risikofaktoren und Ressourcen identifiziert, geeignete Maßnahmen plant, diese mit dem zu pflegenden Menschen bespricht, ausgewählte Maßnahmen durchführt und anschließend deren Wirksamkeit reflektiert.

Aus dem Thema „Sturzprophylaxe“ wird dadurch eine komplexe Lernsituation. Der Auszubildende beschäftigt sich nicht nur mit einem Expertenstandard oder einzelnen prophylaktischen Maßnahmen. Er verbindet Wissen mit Beobachtung, Kommunikation, Pflegeprozess, Beratung, Entscheidungsfindung, Durchführung und Evaluation.

Die berufliche Situation wird zum Lernanlass.

Und genau darin liegt für mich eine der großen Stärken von Arbeits und Lernaufgaben.

Der praktische Ausbildungsplan gibt Praxisanleitung Struktur

Ein praktischer Ausbildungsplan kann gleichzeitig eine wichtige Grundlage für die Planung konkreter Anleitungssituationen sein.

Denn wahrscheinlich kennen viele Praxisanleitende die Frage: Was machen wir eigentlich in der nächsten Praxisanleitung?

Wenn Anleitung ausschließlich danach geplant wird, welche Tätigkeit an einem bestimmten Tag zufällig verfügbar ist, entstehen schnell einzelne Anleitungssituationen, die wenig miteinander verbunden sind. Heute findet ein Verbandwechsel statt, also wird eine Wundversorgung angeleitet. Beim nächsten Mal bietet sich eine Medikamentengabe an und danach vielleicht eine Beratungssituation.

Jede dieser Situationen kann für sich genommen sinnvoll sein. Trotzdem fehlt möglicherweise der rote Faden.

Ein guter praktischer Ausbildungsplan kann genau diesen roten Faden schaffen. Praxisanleitende können anhand des Plans erkennen, welche Kompetenzen in einem Einsatz entwickelt werden sollen, welche Arbeits und Lernaufgaben dazu passen und welche Anleitungssituationen darauf aufbauen können.

Praxisanleitung wird dadurch weniger zufällig und stärker auf den individuellen Kompetenzaufbau ausgerichtet.

Aus einer zunächst beobachteten Situation kann eine angeleitete Durchführung entstehen. Später übernimmt der Auszubildende einzelne Teile zunehmend selbstständig. Im weiteren Verlauf kann daraus schließlich die eigenständige Planung, Durchführung und Evaluation einer umfassenderen Pflegesituation entstehen.

Praxisanleitung wird damit nicht als Sammlung einzelner Termine gedacht, sondern als aufeinander aufbauender Lernprozess.

Praktische Ausbildung findet nicht nur während der Praxisanleitung statt

Ein praktischer Ausbildungsplan kann aber noch etwas anderes leisten: Er kann Ausbildung über die geplante Praxisanleitung hinaus strukturieren.

Denn so wichtig die gesetzlich vorgesehene Praxisanleitung ist, Lernen findet in der Praxis nicht ausschließlich während dieser geplanten Anleitungssituationen statt.

Auszubildende lernen während ihres gesamten Einsatzes. Sie beobachten Pflegefachpersonen, übernehmen Aufgaben, stellen Fragen, erleben unterschiedliche Pflegesituationen, treffen Entscheidungen, erhalten Rückmeldungen und reflektieren ihre Erfahrungen.

Genau deshalb sollten Arbeits und Lernaufgaben nicht zwangsläufig innerhalb einer einzelnen Anleitungssituation beginnen und enden. Sie können Auszubildende über mehrere Tage oder sogar über einen längeren Zeitraum begleiten.

Eine Praxisanleitung kann beispielsweise gemeinsam mit dem Auszubildenden eine Arbeits und Lernaufgabe besprechen, Lernziele vereinbaren und erste Schritte planen. Im weiteren Verlauf des Einsatzes sammelt der Auszubildende Erfahrungen, beobachtet unterschiedliche Situationen und übernimmt zunehmend Aufgaben. In einer späteren Praxisanleitung können diese Erfahrungen aufgegriffen, reflektiert und weiterentwickelt werden.

Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen geplanter Praxisanleitung und dem Lernen im täglichen Arbeitsprozess.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jede Begleitung durch eine Pflegefachperson automatisch Praxisanleitung ist oder qualifizierte Praxisanleitende dadurch ersetzt werden können. Aber praktische Ausbildung darf auch nicht auf die vorgesehenen Praxisanleitungszeiten reduziert werden.

Praxisanleitung strukturiert Lernprozesse. Lernen findet jedoch während des gesamten Praxiseinsatzes statt.

Ausbildung wird zur Aufgabe des gesamten Teams

Ein guter praktischer Ausbildungsplan kann deshalb auch für Mitarbeitende hilfreich sein, die selbst keine Praxisanleitenden sind. Wenn im Team bekannt ist, woran ein Auszubildender aktuell arbeitet und welche Kompetenzen entwickelt werden sollen, können Lerngelegenheiten im Alltag viel bewusster erkannt werden.

Eine Pflegefachperson erlebt beispielsweise eine interessante Pflegesituation und weiß, dass der Auszubildende aktuell genau an diesem Thema arbeitet. Sie kann ihn gezielt einbeziehen, Fragen stellen oder auf eine besondere Situation aufmerksam machen.

Damit wird Ausbildung nicht zu etwas, das ausschließlich dann stattfindet, wenn die Praxisanleitung im Dienstplan steht.

Die Verantwortung und die pädagogische Steuerung der Praxisanleitung bleiben bestehen. Gleichzeitig entsteht aber ein gemeinsames Verständnis dafür, dass der gesamte Praxiseinsatz Lernraum ist.

Für mich ist genau das ein wichtiger Bestandteil einer guten Ausbildungskultur.

Der praktische Ausbildungsplan sollte ein Arbeitsinstrument sein

Am Ende zeigt sich die Qualität eines praktischen Ausbildungsplans nicht daran, wie viele Seiten er umfasst oder wie ausführlich einzelne Kompetenzformulierungen übernommen wurden.

Entscheidend ist, ob er in der Praxis funktioniert.

Hilft er Praxisanleitenden dabei, Anleitungssituationen zu planen?

Können daraus sinnvolle Arbeits und Lernaufgaben entwickelt werden?

Erkennen Auszubildende, was sie in ihrem Einsatz lernen können und sollen?

Wird Kompetenzentwicklung über den Verlauf der Ausbildung sichtbar?

Und weiß auch das Team, welche Lernmöglichkeiten es im Alltag aufgreifen kann?

Wenn ein praktischer Ausbildungsplan diese Fragen beantworten kann, wird aus einer formalen Vorgabe ein Instrument, das praktische Ausbildung tatsächlich unterstützt.

Die Praxis bietet jeden Tag unzählige Lerngelegenheiten. Wir müssen deshalb nicht für jede Anleitung künstliche Situationen konstruieren. Wir müssen vielmehr lernen, die vorhandenen Situationen zu erkennen, sie mit den Kompetenzen der Ausbildung zu verbinden und daraus gezielte Lernprozesse zu gestalten.

Ein praktischer Ausbildungsplan sollte deshalb nicht versuchen, die Praxis passend zu einem Dokument zu machen. Das Dokument muss zu der Praxis passen, in der Ausbildung tatsächlich stattfindet.

Denn am Ende geht es nicht darum, einen Ausbildungsplan abzuarbeiten.

Es geht darum, Auszubildende Schritt für Schritt dabei zu begleiten, berufliche Handlungskompetenz zu entwickeln und zu kompetenten Pflegefachpersonen zu werden.

gepflegt angeleitet

@frau_praxisanleiter

 
 
 

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